Altägyptische Mythologie

Alles über Philosophie und Religion im alten Ägypten, aber auch Wissenswertes zum Alltagsleben und wenig Bekanntes aus dieser Zeit.

Beitragvon Merit » Fr 26. Apr 2013, 10:03

Es gibt keine altägyptische Mythologie, das ist der erste Satz. Aber es herrscht dennoch Ordnung unter den ägyptischen Göttern. Das ist dem Fleiß der altägyptischen Theologen zu verdanken, die sich bemühten, die verschiedenen Schichten und Aspekte der ägyptischen Religion in eine zusammenhängende Ordnung zu bringen.

Die älteste Schicht der ägyptischen Götter ist die Schicht der Fetische, die teils aus der Sahara mitgebracht wurden, teils im Niltal bereits vorhanden waren, als die Einwanderer aus der Sahara dorthin kamen, das war vor etwa fünftausend Jahren. Diese Fetische sind in der ägyptischen Religion immer vorhanden geblieben und zwar als die Götter der verschiedenen Provinzen.

Aber dann wird es schon komplex, denn dann kommen die Götter wie gehagelt: das Licht, die Erde, der Luftraum zwischen beiden und dann ist da noch ein Gott, aus dem sie alle hervorgehen. Einen Gott der Finsternis gibt es nicht, auch keinen des Mondes, einen Wassergott gibt es auch nicht. Es gibt den Chapi, aber das ist der Nilstrom. Ra ist also nicht unbedingt die Sonne, sondern in der Sonne zeigt sich Ra den Menschen.

Ich sagte, es gibt keinen Gott der Finsternis. Aber es gibt einen Beherrscher des Totenreiches, das ist der eigentliche Vegetationsgott Osiris, ein auch recht alter Gott und da Ägypten ein Agrarland ist, ein sehr volkstümlicher, der die Toten in der Erde bewahrt, das ist seine erste Funktion und sie verträgt sich gut mit seiner Rolle als Gott der Vegetation, denn die Toten werden wie eine Saat in die Erde gelegt.

Und noch mehr Götter kommen herzu: Horus, der Gott des Königs als der Falke, der alles sieht und hoch über allem kreist, Isis kommt hinzu, die Beschützerin und Personifizierung der königlichen Macht, weshalb sie als der Thron des Königs gilt, auf dem bekanntlich mehrere Könige nacheinander zu sitzen kommen, also der Thron ist mehr, als die, die darauf Platz nehmen, so ist das zu verstehen. Dann ist da noch allerhand aus der Natur zu respektieren: die Wadjet, die Kobra, die Nechbeth, das Geierweibchen, die Selket, die Skorpionin, der König sitzt wie ein Hahn im Korb unter lauter Weibern. Er ist so garstig, dieser König, dass die Weiber ihn permanent besänftigen müssen, so ist das gemeint.

Und all das beschaut sich der Gott der über allen ist - der eigentlich keinen Namen hat, aber für Ägypten speziell einen bereit hält, nennt ihn also Ptah oder Atum - Re oder dann eben auch mal Amun, obwohl - Amun ist kein richtiger Reichsgott. Er ist Politik. Er kommt auch ganz spät und ist mehr materiell als geistig. Und drunter weg wird das Gewusel immer größer. Denn jeder Ägypter hat genau genommen seinen eigenen Gott. Da sind Tiere, Bäume, Fabelwesen, aber keine Menschen. Da sind die verblichenen Ahnen, die versorgt werden müssen, alte afrikanische Sitte, heute noch anzutreffen, die aber auch Dienste leisten, man schreibt den Toten Briefe, man redet mit ihnen, erteilt ihnen Aufträge und ihre Zahl ist Legion.

Die Sache mit den Tieren hat meist Methode, man soll, so die Absicht, sie respektieren und unter ihnen nicht wie die Axt im Walde hausen. Mit dem Getreide und dem Gemüse haust niemand, deshalb gibt es da auch keine Götter. Jeder geht sowieso sorgsam damit um. Aber mit den Rauibtieren - da gibt es die Löwin, die Sachmet, damit man die Löwen nicht ausrottet, denn sie sind gefährlich. Da gibt es die Thoeris, das Nilpferd, auch gefährlich und daher geschützt als Göttin der Schwangeren und der Geburt (sehen ja auch schwanger aus, die Viecher) und da ist der Affe, der Thot, als Gott der Bildung und des Wissens gepriesen, damit man ihn in Ruhe lassen soll und der Ibis, der auf den Feldern steht und Samen pickt und den man ebenfalls in Ruhe picken lassen soll und Bastet, die Katze, die die Ernte schützt und wer eine Katze tötet, der wird als Schädling am Volksvermögen selbst zu Tode gebracht, jawohl. Und Sobek ist da, das Krokodil, sieht nicht schön aus, ist aber nützlich und außerdem auch gefährlich. Und dann ist da noch Anubis oder Wepwawet, der streunende Schakal, der führt die Toten aus der Finsternis ins Licht, also lasse man ihn sein Werk tun. Und haut bitte keine Sykomoren um, na überhaupt, und kleine Leute lasst ihr auch in Frieden, sonst kommt euch der Bes.. beinahe für alle Dummheiten, die ein Mensch an der Natur begehen kann, wird ein Riegel vorgeschoben. An Nutztieren werden geschützt: die Kuh als Hathor, der Stier als Apis, der Widder als Amun, die Gans als Mut, ich denke, man sieht schon, wie die Ägypter ihre Mythologie aufbauten, nämlich pragmatisch und darin übrigens sehr afrikanisch. Aber dann gibt es auch das Unbehagliche - Seth. Mit dem lege man sich nicht an, der ist gefährlich, ein Trickser und 'Täuscher zudem, aber mächtig gewaltig. Seth ist die Wüste, der Schrecken des Lebensfeindlichen, aber gerade darum ist er auch der Herr der Schätze, die die Erde birgt. Ahpep. den Unterweltsdämon von der Welt der Menschen fern zu halten aber ist Sache des Königs im Verein mit seinen "jenseitigen" Helfern.

Die Ägypter transzendieren ihre Welt? Nein, das auch nicht, es gibt viele Lebewesen, denen keine Gottheit die Stange hält. Nur da, wo es im Bestand kritisch werden kann, oder wo besondere Sorgfalt walten muss, gibt es Götter. Die Botschaft ist; man darf nicht alles platt machen, was einem nicht genehm ist und man darf mit dem, was einem genehm ist, nicht sorglos und bedenkenlos umgehen.

Tja, der König, das ist ein eigenes Kapitel in der ägyptischen Religion. Er ist der Schreckliche, dem ein gewöhnlicher Sterblicher nicht ins Angesicht schauen darf. Er ist der Gott unter den Menschen, die Verbindung von Himmel und Erde, er ist der Horizont der menschlichen und der göttlichen Existenz in einem. Er war aber nicht immer so - einst war er nur ein Häuptling unter anderen und auch zwischendurch war er das immer wieder einmal. Dann aber nahm ein Mensch ihn und machte ihn zu einem Gott. Das blieb er bis die Menschen diese reine Göttlichkeit nicht mehr ertrugen und ihn zu einem Sohn Gottes machten, was sie leichter verstanden. Denn wie sollten sie begreifen, dass der Gottkönig eigentlich das Vorbild für sie alle war? Dass er ihnen zeigte, was und wie ein Gott ist: nicht unfehlbar, nicht allmächtig, nicht allwissend, aber ewig und mit der Ewigkeit auch als Mensch auf Du und Du? Ägypten hat sich zu dieser Erkenntnis nie durchgerungen. Aber Ägypter haben diese Erkenntnis gewonnen und an diesem Punkt dann wird die Religion zur Philosophie, wird der Kult zur Methode. Denn dann geht es nicht mehr um "das Göttliche", dann geht es darum, wie ein Mensch sich in der Welt verhalten, was er ehren und was er verabscheuen sollte, was anzustreben und was zu meiden ist. Das Göttliche ist kein Thema, es ist vorhanden, es hat viele Gesichter und weiterhin ist nichts dazu zu sagen.
.. wer Schlechtes über den reinen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder auf Erden, noch im Licht..
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